Bücher

Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.
-
Jean Paul

Mittwoch, 22. Mai 2019

[Rezension] Katharina Fuchs - Zwei Handvoll Leben

Kurzbeschreibung:
"Deutschland 1914: charlotte wächst auf dem archaischen Landgut ihres mächtigen Vaters in Sachsen auf. Die Welt scheint ihr zu Füßen zu liegen, als sie von ihrer Tante und deren jüdischem Ehemann in die Leipziger Ballsaison eingeführt werden soll. Sie begegnet ihrer ersten Liebe. Doch der Beginn des Ersten Weltkriegs zerstört ihre Pläne. Und ihr Leben verändert sich für immer.
Zwischen den Wasserstraßen des Spreewalds, wo Verzicht und harte Arbeit erfinderisch machen, gelingt es Anna, dem Schicksal immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Doch sie verkennt die tiefe Liebe ihres besten Freundes, bevor er an die Westfront zieht. An einem eiskalten Tag im Februar 1919 steigt die neunzehnjährige Schneiderin allein in den Zug. In den engen Hinterhöfen des Wedding prallen Hunger und Armut auf den ungezügelten Lebensdurst der beginnenden Zwanzigerjahre. Und im Konsumtempel KaDeWe sucht man Verkäuferinnen..."

Fazit:
In "Zwei Handvoll Leben" erzählt Katharina Fuchs auf sehr einnehmende Art und Weise die Lebensgeschichten ihrer Großmütter.

Dadurch, dass beide Frauen in sehr unterschiedlichen Verhältnissen aufwuchsen und sich ihr Lebensweg, bis zur Hochzeit ihrer Kinder gegen Ende des Buches, auch sehr unterschiedlich entwickelt, bekommt der Leser im Verlauf der Handlung nicht nur das Leben von Anna und Charlotte erzählt, sondern viele Leben vieler unterschiedlicher Menschen. Und das ist es auch, was dieses Buch so wunderbar macht: die unterschiedlichen Charaktere und Lebensweisen der Menschen.

"Zwei Handvoll Leben" ist aufgeteilt in zwei Teile: der eine startet 1913 und erzählt abwechselnd die Kindheit und Jugend von Anna und Charlotte und endet mit den Geburten der ältesten Kinder der beiden. Dann gibt es einen Zeitsprung und Teil zwei setzt zehn Jahre später an, wo gerade die Nazis an Einfluss gewinnen.

Ein Buch, das soviel Geschichte erzählt, einfach dadurch, dass die Handlung zu diesen Zeiten spielt, benötigt starke Charaktere, damit diese vor einem solchen Hintergrund nicht untergehen. Gerade mit Anna haben wir definitiv solch eine Protagonistin. Dass Charlotte dagegen immer eher etwas im Hintergrund anmutet, liegt schlicht daran, dass Annas Leben in Berlin deutlich abwechslungsreicher ist, was nicht unbedingt positiv sein muss.

Der Lesefluss ist sehr gut, wenn auch meines Erachtens nach der erste Teil ein wenig gerafft hätte werden können. Langweilig wird es dennoch nie, was an der Fülle von Schauplätzen, Charaktere und Ereignissen liegt. Die Protagonistinnen wachsen dem Leser, jede auf ihre eigene Art und Weise, immer mehr ans Herz und so lebt man ihr Leben an ihrer Seite.

Katharina Fuchs versteht es sehr gut, am Beispiel von Anna und Charlotte das Leben einer ganzen Generation unterschiedlichster Herkunft und Lebensart im Deutschland der damaligen Zeit zu vermitteln.

Katharina Fuchs
"Zwei Handvoll Leben"
erschienen bei Droemer Knaur

Dienstag, 21. Mai 2019

[Rezension] Charlotte Roth - Wir sehen uns unter den Linden

Kurzbeschreibung:
"Ost-Berlin nach dem 2. Weltkrieg. Von ihrem geliebten Vater, einem überzeugten Sozialisten und Lehrer, hat Susanne gelernt, an eine bessere Welt zu glauben. Ohne je das Vertrauen in die Menschheit zu verlieren, hat er gegen das Naziregime gekämpft - und wurde vor den Augen seiner sechzehnjährigen Tochter kurz vor Kriegsende erschossen.
Um sein Vermächtnis zu erfüllen, widmet sich Susanne von ganzem Herzen dem Aufbau eines neuen Deutschland. Erst als sie den lebenslustigen Koch Kelmi kennen- und lieben lernt, beginnt sie allmählich zu begreifen, was um sie herum passiert. Zu tief jedoch ist der Glaube an den Sozialismus in ihr verwurzelt, zu stark das Band, das sie mit dem toten Vater verbindet.
Dann kommt der 13. August, und plötzlich verstellt die Mauer Susanne jegliche Möglichkeit einer Alternative..."

Fazit:
Eines der Themen, auf die ich immer wieder zu sprechen komme, sind Klappentexte. Selbstverständlich kann ein Klappentext nur einen Auszug darstellen, eine Ahnung von dem, was zwischen den Buchdeckeln verborgen sein mag. Und ein Buch wie "Wir sehen uns unter den Linden" verbirgt nicht nur die Geschichte eines Lebens, sondern ebenso die einer Nation und zweier Staaten - natürlich lässt sich dies nicht auf ein paar Sätze reduzieren. Allerdings gibt soviel Handlung auch die Möglichkeit, das, was der Klappentext verheißen soll, bestmöglich wiederzugeben. Warum es dann beim Lesen des Textes so scheint, als beginne die Handlung praktisch mit dem Mauerbau, wo sie doch mit ihr endet, will sich mir nicht erschließen...

Abgesehen vom Klappentext, ist es vor allem ein Adjektiv, das sich mir aufdrängt, wenn ich an "Wir sehen uns unter den Linden" denke: eindrücklich. Denn genau das ist dieser Roman. Ich habe schon viele Bücher gelesen, die vor, um, während und nach dem Zweiten Weltkrieg spielen. Susannes Sicht der Dinge ist mir in dieser Art aber noch nicht begegnet: Sie hat eine schöne Kindheit, trotz der Unruhen vor dem Krieg. Ihre Eltern lieben und beschützen sie, lieben einander und das vermitteln sie Susanne auch. Mit dem Tod des Vaters, der von der Gestapo erschossen wird, endet aber scheinbar alles Positive in ihrem Leben. Die Mutter wird depressiv, die Tante versucht, die Familie durch die schweren Zeiten zu bringen und Susanne hat sich dem Aufbau einer besseren Welt verschrieben. Dennoch ist sie ständig unsicher und vermutet grundsätzlich Negatives, kann auch nicht hinnehmen, dass schwarz/weiß meist nicht real ist und es viele Grautöne gibt - der Kapitalismus ist die Wurzel allen Übels, der Westen der böse Verführer...

Man kommt beim Lesen an einen Punkt, an dem man das Gefühl hat, viel mehr von Susannes negativer Aura nicht ertragen zu können und das ist genau der Moment (von der Autorin hervorragend gewählt) in dem Kelmi die Bühne betritt: Kelmi ist grundpositiv, manchmal naiv, aber nicht dumm. Er ist weich, wo sie hart ist, ist Melodie, wo sie Vernunft ist - ein wunderbarer Kontrapunkt und man kann gar nicht anders, als Kelmi in sein Herz zu schließen.

Susanne und ihr Leben vor, mit und zwischen Kelmi sind natürlich Hauptpunkt der Handlung, aber es gibt noch soviel mehr: zwischen den Episoden wird die Geschichte von Susannes Eltern erzählt, die Zeit bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als die Gestapo vor der Tür stand, aber auch die Zeit danach aus Sicht von Tante Hille und mitunter Eugen - erst alles zusammen genommen ergibt ein Ganzes und zeigt nicht nur, wie unterschiedlich Menschen zu der Zeit lebten, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, der Wandel der Staaten - ist Lebensgeschichte so vieler und Zeitzeugnis aller.

Mit "Wir sehen uns unter den Linden" hat Charlotte Roth einen absolut authentischen Roman geschaffen, der viele unterschiedliche Perspektiven aufzeigt in einer Zeit des Wandels - eine definitive Leseempfehlung von meiner Seite!

Charlotte Roth
"Wir sehen uns unter den Linden"
erschienen bei Droemer Knaur

Sonntag, 19. Mai 2019

[Rezension] J L Butler - Mein

Kurzbeschreibung:
"Mit diesem Fall wird sie endlich Karriere machen, da ist sich die Londoner Scheidungsanwältin Francine Day sicher. Martin Joy will sich von seiner Frau Donna scheiden lassen. Der Unternehmer ist millionenschwer - und wahnsinnig attraktiv. Wider besseres Wissen beginnt Fran eine verbotene Affäre mit ihrem Mandanten, dem sie mehr und mehr verfällt. Als seine Frau kurz darauf spurlos verschwindet, gerät Martin ins Visier der Ermittlungen. Doch auch Fran hat ein Geheimnis. Sie ist nicht nur Anwältin und Geliebte des Hauptverdächtigen - sie ist die letzte Person, die Donna Joy lebend gesehen hat..."

Fazit:
Wenn ich zuerst darauf verweise, dass ich die Aufteilung des Anwaltberufs im britischen Recht in Rechtsanwälte und Prozessanwälte sehr interessant fand, könnte das missverstanden werden.

Denn das war ja nicht das einzig interessante, aber für mich persönlich etwas, was ich nicht wusste.

Back to topic: Francine Day ist mehr, als der Leser anfangs glaubt. Man sieht erst nur die strikt auf die Arbeit fokussierte, talentierte Anwältin, die es mal ganz nach oben schaffen wird. Von ihrem seelischen Ungleichgewicht, ihrer Unsicherheit und ihren Ängsten erfährt man erst später... So ist es einigermaßen überraschend, dass diese Karrieristin gerade beim charmanten Martin Joy zum hormongesteuerten Weibchen wird - aber sei's drum...

Denn ehrlich: Wie kann man Martin Joy nicht mögen? Ich mag ihn! Und bin natürlich direkt von seiner Unschuld ausgegangen, es wäre ja auch viel zu offensichtlich...aber dann kommen Hinweise und man muss seine Haltung überdenken..wieder und wieder...
Dieses "war er es oder nicht?" war sehr schön über den ganzen Plot gesteuert, das hat mir sehr gut gefallen. Das Ende hingegen fand ich ... bescheiden ... unbefriedigend...

Wäre dies das einzige gewesen, hätte ich sicher darüber hinweggesehen, was ist schon perfekt? Allerdings tauchen im ansonsten wirklich guten Lesefluss immer wieder Längen auf, die vor allem auf Francine zurückzuführen sind - endlose innere Monologe, die zur Handlung überhaupt nichts beitragen. Da wäre ein wenig Straffung sicher nicht verkehrt gewesen.

"Mein - Wie weit wirst du gehen, um ihn zu behalten?" von J L Butler hat gute Anlagen und auch einen guten Plot. Ich mag die Spannung, die immer wieder auftaucht, das subtile Anschleichen der Ahnungen - leider wurde dies nicht konsequent genug durchgezogen.
Insgesamt also ein Buch, das durchaus keinen negativen Eindruck bei mir hinterlässt, wo ich mir bei einem nächsten Buch von J L Butler aber mehr Fokussierung wünschen würde.

J L Butler
"Mein - Wie weit wirst du gehen, um ihn zu behalten?"
erschienen im Rowohlt Verlag

[Rezension] Gitta Edelmann - Canterbury Symphony

Kurzbeschreibung:
"Auf Bitten des Pubbesitzers Canny ist Ella Martin, Liebesromanautorin und Hobbydetektivin, nach Schottland gereist. Sie soll dort nach dem Rechten sehen, denn Cannys Tante Flora behauptet, in ihrem Altenheim bestohlen zu werden. Oder wird die alte Dame langsam dement, wie die Leiterin von Scorrybreac House es behauptet?

Ella nutzt die Reise in den Norden auch, um sich über ihre Gefühle für Detective Inspector Alex Drake klar zu werden. Sie träumt von einsamen Wanderungen und gemütlichen Schreibabenden mit einem Gläschen Whisky.

Doch bei ihrer Ankunft auf der Isle of Skye wirkt die alte Dame auf Ella kein bisschen verwirrt. Dafür scheinen einige Leute in Scorrybreac House Geheimnisse zu haben: der charmante Witwer ebenso wie die blauhaarige Krankengymnastin. Was bleibt Ella anderes übrig, als den Dingen auf den Grund zu gehen?"

Fazit:
Ich habe vor einigen Jahren "Canterbury Requiem", den ersten Teil der Reihe um die sympathische Liebesromanautorin Ella Martin gelesen und mich sehr gut unterhalten gefühlt. Ich bin ja etwas schwierig, wenn es um Cosy Krimis geht, aber Gitta Edelmann und Ella Martin haben mich absolut überzeugt. Deshalb war ich auch etwas entsetzt festzustellen, dass "Canterbury Symphony" bereits der fünfte Teil der Reihe ist und ich die dazwischen liegenden verpasst habe - zum Glück lässt sich so etwas ja nachholen.

Hatte ich mich ursprünglich auf Canterbury gefreut, ist die Isle of Skye doch ein mehr als würdiger Ersatz, zumal Gitta Edelmann es versteht, die Insel vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen.
Der Lesefluss ist sehr gut. Dies ist vor allem den Charakteren zu verdanken, denn darunter befinden sich einige Original und zu verbergen scheint auch so mancher etwas zu haben. Gegen Ende wird es auch richtig spannend, denn Ella lebt gefährlich.

So ist auch "Canterbury Symphony", welches sich übrigens problemlos ohne Kenntnis der vorhergehenden Bände lesen lässt, ein wunderbarer Ausflug in Ellas Welt und eine unterhaltsame Schnitzeljagd auf der Suche nach der Wahrheit.

Gitta Edelmann
"Canterbury Symphony"
erschienen im Dryas Verlag


Donnerstag, 16. Mai 2019

[Rezension] Christi Daugherty - Echo Killer

Kurzbeschreibung:
"Eine Frau Mitte dreißig, nackt und erstochen auf dem Küchenboden - aufgefunden von ihrer 12-jährigen Tochter. Als Polizeireporterin Harper McClain den Tatort sieht, hat sie nur einen Gedanken: Das grausame Szenario ist identisch mit einem anderen Mord. Dem an ihrer Mutter. Seit fünfzehn Jahren quält sie der Gedanke, dass der Killer noch immer auf freiem Fuß ist. Nun scheint er wieder zugeschlagen zu haben. Es gibt keine Fingerabdrücke, keine DNA, keine Spuren. Harper ist entschlossen, die Wahrheit endlich ans Licht zu bringen. Doch die hat ihren Preis."

Fazit:
Christi Daugherty kennt man als Autorin der "Night School" - Reihe. Mit "Echo Killer" hat sie nun ihren ersten Thriller für Erwachsene veröffentlicht.

Raue Schale - weicher Kern, so könnte man Harper McClain beschreiben. Nur dass sie diesen Kern am liebsten vor der Welt versteckt. Auf Abstand bedacht, lässt sie kaum jemanden an sich heran. In ihrem Job hingegen ist sie tough und unerschrocken, was nicht von Nachteil ist, wenn man als Polizeireporterin einer Zeitung arbeitet.
Harper ist ganz klar ein Typ und das macht mit den Reiz des Buches aus. Aber auch einige andere Charaktere sind eigen und charismatisch, was mitunter für Zündstoff sorgt.

Der Lesefluss ist gut, auch wenn sich im Mittelteil einige Längen eingeschlichen haben, aber die Neugier des Lesers trägt ihn darüber hinweg. Denn der Plot macht definitiv neugierig! Das ganze Buch hindurch rätselt man mit, versucht mit Harper, die Fakten zu einem Bild zusammenzusetzen und doch will es nicht recht gelingen. Auch die Auflösung der Geschichte hat mir wirklich gut gefallen.

Erwartet hätte ich mehr Atmosphäre - ein Schauplatz wie Savannah ist ja eigentlich perfekt zur Vermittlung des Südstaatenflairs, aber außer der Hitze kommt davon nicht viel beim Leser an.

Insgesamt hat mich "Echo Killer" gut unterhalten, auch wenn noch Luft nach oben da ist.

Christi Daugherty
"Echo Killer"
erschienen bei Rowohlt

Dienstag, 14. Mai 2019

[Rezension] Anke Petersen - Hotel Inselblick - Wolken über dem Meer

Kurzbeschreibung:
"Hamburg 1892. Als der Kaufmann Wilhelm Stockmann beschließt, das Leben in der Stadt aufzugeben und mit seiner Familie auf die Nordseeinsel Amrum zu ziehen, um dort ein Hotel zu eröffnen, ahnt er nicht, auf welches Abenteuer er sich da einlässt. Besonders seine Tochter Rieke ist anfangs gar nicht für den Umzug zu begeistern, der ihr ganzes Leben aus den Angeln heben soll - ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter Marta, die schon immer davon geträumt hat, ein eigenes Hotel zu führen. So stürzt sie sich denn mit Elan und aus vollem Herzen in die neue Aufgabe, und ganz allmählich lebt sich auch Rieke auf der Insel ein und knüpft erste zarte Bande.
Doch dann schlägt das Schicksal zu und macht alle Pläne zunichte..."

Fazit:
Von Natur aus ein Fan von Nordsee und Familiensagas, brauchte es nicht viel, mich für "Hotel Inselblick - Wolken über dem Meer" zu interessieren.

Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war, dass die Autorin mich bereits nach wenigen Seiten vollkommen in ihren Bann gezogen hatte.

Der Autorin gelingt es bereits ganz am Anfang, dass der Leser sich mitten im Geschehen fühlt. Hamburg, Ende des 19. Jahrhunderts wird lebendig vor dem inneren Auge. Dazu kommt, dass Anke Petersen wahrlich über ein Händchen für Charaktere verfügt. Jeder einzelne ist so detailliert erdacht und so lebensecht - in dieser Gesellschaft fühlt man sich wohl und lernt so einige Originale kennen, ob Nele in Hamburg oder Kaline auf Amrum.
Je weiter die Handlung fortschreitet, desto größer wird der persönliche Drang, ebenfalls zur Nordseeinsel aufzubrechen...

Der Lesefluss ist sehr gut, Langeweile gibt es in "Hotel Inselblick" nicht. Man begleitet die Familie Stockmann von Hamburg nach Amrum und durch die Untiefen des Lebens - denn natürlich macht das Schicksal auch vor ihnen nicht halt. Gerade gegen Ende des Buches geht es so unter die Haut, dass die Augen feucht werden.

Ich habe jede einzelne Seite des Buches genossen und hätte wahnsinnig gern einfach direkt weitergelesen. Gut, dass der zweite Band "Hotel Inselblick - Wind der Gezeiten" bereits am 1. Juli erscheint.
Allen Freunden von Familiensagas und/oder Nordsee und solchen, die es werden wollen, kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.

Anke Petersen
"Hotel Inselblick - Wolken über dem Meer"
erschienen bei Droemer-Knaur

Sonntag, 5. Mai 2019

[Rezension] Vincent Kliesch - Auris (nach einer Idee von Sebastian Fitzek)

Kurzbeschreibung:
"Matthias Hegel, genannt "Auris" (=lat.: das Ohr), ist ein akustischer Profiler. Die Stimme eines Täters genügt ihm, um Herkunft, Aussehen und Psyche zu ermitteln - und um Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Zahlreiche Kriminelle konnten mit seiner Hilfe überführt werden. Doch nun sitzt der renommierte Professor wegen eines Mordes in Haft, den er selbst gestanden hat.

Die junge True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge hat ernste Zweifel an seiner Schuld und will einen Justizirrtum aufklären. Doch als sie zu tief in Hegels rätselhaftem Fall gräbt, bringt sie nicht nur sich selbst in Todesgefahr, sondern auch den Menschen, der ihr am wichtigsten ist..."

Fazit:
Nach seinen ersten Büchern, die ich wirklich richtig gut fand, konnte ich mit den Werken von Sebastian Fitzek nicht mehr viel anfangen. Dennoch möchte ich mich ausdrücklich für seine Ideengebung bedanken: ein forensischer Phonetiker, der ist mir in all den Krimis und Thrillern meines Leserlebens noch nicht begegnet. Ähnlich wie jemand, der sich mit Kinesiologie auskennt, aus Mimik und Gestik eines Menschens lesen kann, gelingt dies einem akustischen Profiler anhand der Stimme - sehr faszinierend und eine wirklich tolle Idee für einen Ermittler! Nur, dass Professor Hegel in diesem Fall gar nicht der Ermittler ist, sondern als verurteilter Mörder hinter Gittern sitzt...

Ich bin ein großer Fan von Vincent Klieschs Schreibstil und entsprechend froh, dass in der Ausführung von "Auris" ganz deutlich seine Handschrift zum Tragen kommt.

Unsere weibliche Protagonistin, Jula Ansorge (ja, ohne "i") ist ein sympathischer Charakter. Traumatisiert durch ein Extremerlebnis, das im Nachhinein ihrem Bruder das Leben kostete, worin sie einen Justizirrtum sieht, hat sie sich auf ihrem True-Crime-Podcast der Aufklärung solcher Irrtümer verschrieben. Als sie auf den Fall von Matthias Hegel stößt, merkt sie schnell, dass etwas anders ist. Denn Hegel wehrt sich vehement gegen ihre Ermittlungen und will überhaupt nicht, dass sie in seinem Fall ermittelt...

Der Lesefluss ist sehr gut, auch wenn ich anfangs die Zeitsprünge erst einmal sortieren musste. Da wir uns aber anschließend auf die Gegenwart beschränken, war das kein Problem.
Die Charaktere sind sehr interessant, jeder auf seine Weise, sehr bildhaft und lebensecht. Das Thema der forensischen Phonetik, das mit Hegel natürlich immer wieder aufflammt, bringt dem Buch etwas Besonderes, aber auch sonst brauchen sich Plot und Ausführung nicht zu verstecken.

Einzig eine Szene im Buch kam mir sofort eher unrealistisch und konstruiert vor und verwirrte mich nachhaltig, hielt ich sie doch erst für eine Finte und wartete vergeblich darauf, dass sie sich aufklärt - aber nein, sie war genau so gemeint, für meinen Fall aber zu sehr "kommt wie gerufen". Aber das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an "Auris" habe. Aufgrund der letzten Buchszene darf man davon ausgehen, wieder von Jula und Hegel zu lesen, worauf ich mich schon jetzt freue!

Vincent Kliesch
"Auris"
erschienen bei Droemer Knaur

Mittwoch, 1. Mai 2019

[Rezension] Sarah Saxx - Extended Trust

Kurzbeschreibung:
"Allein die Vorstellung, mit Männern intim zu werden, löst bei Charlotte Young seit Jahren Panik aus. Um sich endlich von dieser zu befreien, wählt sie eine ungewöhnliche Selbsttherapie, die sie geradewegs ins Extended führt - einen exklusiven Club, der sich ausschließlich um die sexuellen Bedürfnisse von Frauen kümmert. Hier trifft sie auf Trenton Parker: Clubbesitzer, Barkeeper und Callboy.

Bei Charlotte spürt er sofort, dass sie keine gewöhnliche Kundin ist. Denn obwohl sie den Vertrag für Mitglieder unterschreibt, weist sie ihn zurück, was nicht nur einen ungewahnten Reiz auslöst, sondern Gefühle in ihm weckt, mit denen er nicht gerechnet hätte...

Er setzt alles daran, aus Charlotts widersprüchlichem Verhalten schlau zu werden und ihr Vertrauen zu gewinnen. Und auch sie sucht immer wieder seine Nähe. Doch was, wenn ihre seelischen Wunden tiefer reichen, als er erahnen kann?"

Fazit:
"Extended Trust" ist der Auftakt zu Sarah Saxxs neuer "Extended" - Reihe. Noch in diesem Jahre dürfen wir mit weiteren Bänden rechnen.

Alles, was man über "Extended Trust" wissen muss, sagt einem im Prinzip der Klappentext. Natürlich ein Liebesroman, immerhin steht "Sarah Saxx" auf dem Cover. Was einen Liebesroman ausmacht, ist meines Erachtens das Gefühl - nicht nur das zwischen den Protagonisten, sondern auch das, was vom Autor transportiert beim Leser ankommt. Und da ist "Extended Trust" ein wunderbares Beispiel. Denn von Anfang an schließt man Charlotte und Trenton ins Herz!

Der Lesefluss ist sehr gut, man mag sich gar nicht von den beiden trennen und das Leben sorgt immer wieder für glückliche, traurige, schöne und weniger schöne Momente, sodass man permanent mitfiebert, vor allem, nachdem Gerüchte auftauchen...

Man kann gar nicht in Worte fassen, mit welch wohligem Gefühl man als Leser nach Beenden des Buches zurückbleibt - genau DAS möchte ich von einem Liebesroman.

Charlotte und Trenton haben es sogar geschafft, mein bisheriges Favourite Couple aus Sarah Saxxs Büchern - nämlich Ashley und Travis aus "King of Chicago" - vom Thron zu stoßen! Ob sie dort lange sitzen bleiben dürfen, kann ich allerdings noch nicht garantieren, denn im zweiten Teil der "Extended"-Reihe "Extended Hope" wird es um Hayley gehen und wer "Extended Trust" gelesen hat, weiß, dass Hayley ein ganz besonderer Charakter ist...

Sarah Saxx
"Extended Trust"

[Rezension] Thomas Elbel - Die Todesbotin

Kurzbeschreibung:
"Berlin-Neukölln: Ein Deutschtürke liegt erschossen in seinem Handyladen. Kurz darauf findet man nach einer Explosion in einer verlassenen Kinderklinik die Leiche eines jungen Flüchtlings. Spuren legen eine Verbindung zu dem Mord in Neukölln nahe. Der Staatsschutz vermutet einen terroristischen Hintergrund und reißt beide Fälle an sich. Viktor Puppe und seine Kollegen vom Berliner LKA verfolgen eine ganz andere Spur, die sie zu einer zwielichtigen "völkischen Siedlung" vor den Toren der Stadt führt. Viktor schleust sich in die Gemeinschaft ein und ist bei den Ermittlungen von nun an auf sich allein gestellt..."

Fazit:
"Die Todesbotin" ist der zweite Fall für Viktor Puppe. Nachdem mir "Der Todesmeister", Puppes Auftaktfall, sehr gut gefallen hatte, war es natürlich keine Frage, dass ich dem erscheinen von "Die Todesbotin" entgegen gefiebert habe.

Man kann das Buch auch ohne Kenntnis des Vorgängers lesen, verpasst dadurch allerdings ein wenig des Zwischenmenschlichen, warum Viktors Kollegen Ken und Begüm ihm gegenüber so sind wie sie sind und was es mit Viktors Großvater auf sich hat. Die Kommissare Viktor, Ken und Begüm werden aber zum besseren Verständnis auch im Umschlag vorgestellt.

Bereits nach wenigen Seiten ist man wieder mittendrin in Viktors Welt, was nicht zuletzt Ken und seiner unnachahmlichen Art zu verdanken ist. Mal ganz davon abgesehen, dass wir am Schauplatz eines Mordes starten.

Der Lesefluss ist gut, es wird nicht langweilig, allerdings geht im Verlauf die Spannung immer wieder verloren. Dies liegt meines Erachtens an den vielen unterschiedlichen politischen Themen, die alle ihren Platz beanspruchen: das Thema Flüchtlinge, Terroristen, Nazis... all dies verleiht dem Buch einen sehr aktuellen politischen Touch, bremst aber die Dynamik und die Spannung aus.

Versteht mich nicht falsch, mich hat "Die Todesbotin" gut unterhalten, vor allem wegen der Charaktere von Ken und Viktor, wohingegen mich Begüm immer wieder auf die Palme gebracht hat, aber im Vergleich zu "Der Todesmeister" kann Viktors zweiter Teil leider nicht ganz bestehen.

Nichts desto trotz hoffe ich auf ein Wiederlesen mit Viktor und Ken.

Thomas Elbel
"Die Todesbotin"
erschienen im blanvalet - Verlag

[Rezension] Frank Goldammer - Grosses Sommertheater

Kurzbeschreibung:
"Der steinreiche, schwerkranke Patriarch Joseph lädt die gesamte Familie für ein Wochenende in seine Villa an die Ostsee ein. Josephs Söhne sind seit Jahren zerstritten, aber die Aussicht auf das Erbe lässt sie mit Kind und Kegel anreisen. Die Gästeliste ist lang und birgt reichlich Zündstoff. Die Sonne brennt und die Luft wird immer dicker. Bis es, im wahrsten Sinne des Wortes, knallt."

Fazit:
Man sollte "Grosses Sommertheater" nicht lesen, weil man die Krimis von Frank Goldammer mag. Denn "Grosses Sommertheater" ist definitiv etwas ganz anderes.

Man sollte also darauf vertrauen, dass der Autor auch in der Lage ist, abseits von Max Heller etwas Lesenswertes zu Papier zu bringen.

"Skurril" ist das erste Wort, dass mir nach dem Lesen - und ehrlich gesagt auch währenddessen - durch den Kopf spukte. Anfangs malt Frank Goldammer ein Bild eines idyllischen Sommerurlaubs an der Ostsee. Spielen am Strand, entspannen, Sonne tanken, abschalten vom Alltag.... und dann laufen sie auf, unsere Protagonisten.

Es gibt so ziemlich kein Klischee, das ausgelassen wird: ob die leicht zurückgebliebene Hausfrau, der korrupte Kommunalpolitiker, der halbseidene keiner-weiß-so-ganz-was-er-überhaupt-macht Halbbruder - so wirklich normal ist niemand in der Familie und zu verbergen haben sie alle etwas. Es eint sie die Gier auf das nahende Erbe des schwerkranken Familienoberhauptes. Ansonsten haben sie nichts gemeinsam und mögen sich auch eigentlich alle nicht wirklich.

Genau dieses Aufeinandertreffen der klischeebeladenen Familienmitglieder, die sich ansonsten eigentlich eher aus dem Weg gehen und das sich spürbar aufbauende Brodeln und das Wissen, dass irgendetwas passieren wird, ist es, was "Grosses Sommertheater" so unterhaltsam macht.

Zwischendrin kommt irgendwann der Punkt, an dem man denkt, so langsam könnte der Autor aber doch ein wenig Dynamik bringen und als habe der den Gedanken gehört, passiert genau das. Alles endet letztendlich bei der Maxime: "Der Zweck heiligt die Mittel!"

Frank Goldammers "Grosses Sommertheater" ist eine überaus unterhaltsame schwarze Sommerkomödie, die ich gern gelesen habe. Dennoch freue ich mich sehr auf den nächsten Fall von Max Heller.

Frank Goldammer
"Grosses Sommertheater"
erschienen im dtv-Verlag

Samstag, 30. März 2019

[Rezension] Bill Clinton / James Patterson - The President is missing

Kurzbeschreibung:
""The President is missing" handelt von einer Bedrohung so gigantischen Ausmaßes, dass sie nicht nur das Weiße Haus und die Wall Street in Aufruhr versetzt, sondern ganz Amerika.
Angst und Unsicherheit halten die Nation in ihrem Würgegriff. Gerüchte brodeln - über Cyberterror und Spionage und einen Verräter im Kabinett. Sogar der Präsident selbst gerät unter Verdacht und ist plötzlich von der Bildfläche verschwunden."

Fazit:
Es gibt Leser, die das Buch wegen, und solche, die es trotz des Namens von Bill Clinton auf dem Cover lesen.
Egal zu welcher Fraktion man gehört - bereits nach wenigen Seiten ist das vollkommen nebensächlich, denn das Buch zieht einen sehr schnell in seinen Bann.

Natürlich ist es sehr amerikanisch, sehr politisch und Mr. President ist ein wandelndes Gutmensch-Klischee - aber das war zu erwarten.

Die Autoren zeichnen ein Szenario, wie es wahrscheinlich noch viel näher an der möglichen Realität ist, als man sich vorstellen mag. Eine Terrorgruppe droht, mit einem Virus die gesamte Nation lahm zu legen: Banken, Regierung, Wasseraufbereitung, Strom - alles! Der Präsident versucht, diese Bedrohung mit allen Mitteln abzuwehren und das möglichst, ohne dass die Zivilbevölkerung von der Bedrohung erfährt.

Der Lesefluss ist sehr gut, denn die Handlung ist durchweg spannend und der Präsident definitiv ein Sympathieträger. Aber auch andere beteiligte Charaktere sind sehr lebensecht und bildhaft. Der Leser fiebert durchweg an der Seite des Präsidenten und durchlebt mit diesem die wohl aufreibendsten drei Tage seines Lebens.

Ich hatte auf spannende unterhaltsame Lektüre gehofft, allein schon wegen James Pattersons Name auf dem Cover. Aber mit der Sogwirkung und Begeisterung, mit der ich "The President is missing" letztendlich gelesen habe, habe ich nicht gerechnet.

Egal wer welchen Anteil an diesem Buch hat: Von diesem Autorenduo würde ich gern noch weitere Bücher lesen.

Bill Clinton / James Patterson
"The President is missing"
erschienen bei Droemer Knaur

Freitag, 29. März 2019

[Rezension] Thorsten Steffens - Klugscheißer Royale

Kurzbeschreibung:
"Timo Seidel ist 28 Jahre alt und führt ein Leben ohne jegliche Ambitionen. Anstatt wie seine Freunde Karriere zu machen, ist er in seinem Studentenjob hängengeblieben. Dementsprechend uninspiriert führt er seine Arbeit aus, so dass er fristlos entlassen wird. Zu allem Überfluss hat seine Freundin Cleo beschlossen, sich von ihm zu trennen. Nun steht er also da: Ohne Freundin, ohne Job, ohne Geld und ohne Perspektive. Aus heiterem Himmel bietet sich ihm jedoch eine außergewöhntliche Offerte: Er bekommt einen befristeten Arbeitsvertrag als Lehrer. Nun ist es also offiziell: Für die kommenden sechs Monate darf Timo staatlich beauftragter Klugscheißer sein. Im öffentlichen Dienst! Vom Staat angeheuert wie James Bond! Quasi 007 Klugscheißer Royale! Schnell muss er allerdings feststellen, dass der Lehrerberuf doch ein wenig schwieriger ist als ursprünglich gedacht..."

Fazit:
Ich glaube fest daran, dass ein unterhaltsamer Roman schwieriger zu schreiben ist als ein spannender. Denn nur so erschließt sich mir, warum es Dutzende spannender Romane gibt, die mir sehr gut gefallen haben - aber nur eine Handvoll unterhaltsame Romane.

Es ist auch nicht einfach: anfangs humorvoll wird im Verlauf oft langweilig, albern oder es kommt auch überhaupt kein bißchen Tiefgang - als Leser ist man ja schwierig zufrieden zu stellen und da möchte ich mich auch nicht von ausnehmen.

Desto mehr freue ich mich aber auch, wenn ich einen unterhaltsamen, humorvollen Roman lese, dem genau das oben beschriebene nicht passiert.

Timo Seidel ist tatsächlich ein Klugscheißer par excellence und bereits nach wenigen Seiten wundert es niemanden, dass er seinen Job im Callcenter verliert, man wundert sich eher, wie sie es dort jahrelang mit ihm ausgehalten haben. Auch dass seine Freundin zu Hause auf gepackten Kisten sitzt kann man nachvollziehen - für fünf Jahre mit ihm hätte sie schon einen Orden verdient gehabt. Und da steht er nun: Job weg, Freundin weg und Geld hat er auch keins, immerhin hat Cleo deutlich mehr Geld verdient als er und sein Callcentergehalt ging für die Raten des BMW drauf....

Eigentlich müsste Timo ein Unsympath sein - ist er aber nicht. Auch wenn man ihn anfangs betrachtet wie eine Laborratte: man mag ihn! Und nach und nach wird auch so etwas wie ein erwachsener Mann aus ihm.

Thorsten Steffens gelingt es, Humor und Tiefgang zu kombinieren: Timos Weg vom "Hotel Cleo" zu einem eigenständigen Leben ist mitunter lustig und man muss viel schmunzeln, aber es gibt auch eine Reihe ernster Themen die angesprochen werden und gegen Ende kann man es nicht mehr abstreiten: Timo und sein Dasein gehen einem unter die Haut.

Entsprechend gut ist der Lesefluss, Langweile sucht man vergeblich und auch die anderen Charaktere im Buch sind sehr einzigartig gestaltet (mein persönlicher Favorit ist ja die Schulleiterin Frau Penner). Das Buch ist in sich geschlossen, dennoch hoffe ich auf ein Wiederlesen mit Timo und seien wir ehrlich: So eine Uni ist doch der perfekte Ort für einen Klugscheißer!

Thorsten Steffens
"Klugscheißer Royale"
erschienen im Piper Verlag

Sonntag, 24. März 2019

[Rezension] Ursula Poznanski - Vanitas - Schwarz wie Erde

Kurzbeschreibung:
"Manchmal ist ein Friedhof der sicherste Ort für die Lebenden. Auf dem Wiener Zentralfriedhof jedenfalls ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, raffiniert verschlüsselt in die Sprache der Blumen - denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden.
Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft - und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte..."

Fazit:
Seit Jahren bin ich ein großer Fan von Ursula Poznanskis Reihe um die Ermittler Beatrice und Florin. Entsprechend habe ich mich gefreut, dasss "Vanitas - schwarz wie Erde" der Auftakt einer neuen Thrillerreihe der Autorin ist.

Allerdings musste ich schnell erkennen, dass Carolin leider so gar nicht das Format von Beatrice und Flo hat.

Der Anfang ist durchaus interessant: wir lernen Carolin kennen, die in einer Blumenhandlung am Wiener Zentralfriedhof arbeitet und Angst hat. Dass sie Angst hat, begegnet uns dann leider immer und immer wieder - man sollte meinen, dass auch der unaufmerksamste Leser nach der zehnten Erwähnung verinnerlicht hat, dass Carolin Angst hat.

Zu gern hätte man im Verlauf des Buches erfahren, was damals genau passiert ist, allerdings bekommt der Leser nur einzelne Häppchen serviert und das große Ganze spart sich Ursula Poznanski wohl für einen weiteren Teil der Reihe auf.

Abgesehen davon, dass sie Angst hat und nach München übersiedeln muss, passiert erstmal nicht viel. Es kommen neue Charaktere hinzu, von denen einige durchaus interessant sind, was aber genau gespielt wird, erfährt der Leser eine ganze Weile nicht. Und so plätschert die Handlung vor sich hin, Spannung sucht man meist vergeblich und Carolin als Protagonistin wird irgendwann geradezu nervtötend.

Gegen Ende gibt es dann eine Auflösung, die ganz nett ist und einige Seiten lang auch tatsächlich Spannung mit sich bringt - allerdings kann das den Rest der langatmigen Handlung auch nicht mehr ausgleichen.

"Vanitas - schwarz wie Erde" hat mich leider wirklich enttäuscht, ich bin von Ursula Poznanski ein ganz anderes Level gewohnt.

Ursula Poznanski
"Vanitas - schwarz wie Erde"
erschienen bei Droemer Knaur

[Rezension] Jilliane Hoffman - Nemesis

Kurzbeschreibung:
"Ein geheimes Forum im Internet. Dreizehn Männer, die viel Geld bezahlen, um live dabei zu sein, wenn junge Frauen sterben: die ahnungslosen Kandidatinnen im "Spiel ohne Grenzen".

Als in Miami eine brutal zugerichtete Frauenleiche entdeckt wird, kommt Staatsanwältin C. J. Townsend dem perversen Spiel des Clubs auf die Spur. Sie tut alles, um die Macher aufzuhalten, doch dann verschwindet eine weitere junge Frau. Und noch ehe C. J. begriffen hat, dass die Regeln des Spiels sich geändert haben, verwandelt sich auch ihr eigenes Leben in einen Albtraum..."

Fazit:
"Nemesis" ist der vierte Teil um die Staatsanwältin C. J. Townsend. Auch wenn 2012 beim Erscheinen von "Argus", dem dritten Teil, das Gerücht umging, dass das der Abschlussband der Reihe wäre, hat sich die Autorin einen Gefallen getan, indem sie "Nemesis" geschrieben hat.

Es ist viel Zeit seit "Cupido" vergangen und das ist gut so. Genau wie mir ging es vielen Lesern, jeder weitere Band wurde mit "Cupido" verglichen und das ist ein Anspruch, dem wahrscheinlich kein Autor wirklich gerecht werden kann.
Nach all den Jahren nun ist man auch als Leser entspannter und hofft auf einen spannenden, unterhaltsamen Thriller.

Den Snuff-Club, um den es in "Nemesis" vorwiegend geht, kennen die Leser bereits aus "Argus", dennoch ist die Kenntnis des Buches nicht unbedingt notwendig. Um die besondere Verbindung zwischen C. J. und Bill Bantling alias "Cupido" zu verstehen, muss man allerdings die Vorgängerbücher durchaus gelesen haben.

Möglicherweise, wenn man es aus Entfernung betrachtet, etwas an den Haaren herbei gezogen, aber eigentlich durchaus verständlich aufgrund der Vorgeschichte, wird C. J. in diesem Buch zu "Nemesis", der Göttin der gerechten Vergeltung. Was genau das heißt, wird jeder selbst herausfinden müssen, aber eine Gratwandlung der Staatsanwältin ist es allemal.

Bei "Argus" habe ich bemängelt, dass zu wenig Spannung aufkam und wieder einmal zu detailliert auf das amerikanische Gerichtswesen eingegangen wurde - beides kann man von "Nemesis" nicht behaupten. Dass das amerikanische Gerichtswesen zu vernachlässigen ist, ergibt sich aus der Sache und Spannung ist definitiv vorhanden.

Entsprechend gut ist der Lesefluss, kurze Kapitel und Perspektivenwechsel tun ein Übriges, um den Leser am Buch zu halten. Viele Charaktere kennt man bereits, neue werden, wie man es von Jilliane Hoffman kennt, lebensecht gestaltet und fügen sich wunderbar ins Geschehen ein.

Nein, "Nemesis" ist kein "Cupido", aber das muss es auch nicht, es kann für sich ganz allein bestehen. Ein spannender, unterhaltsamer Thriller für alle, die amerikanische Thriller lieben.

Jilliane Hoffman
"Nemesis"
erschienen im Wunderlich - Verlag

Samstag, 23. März 2019

[Rezension] Hanna Caspian - Gut Greifenau - Morgenröte

Kurzbeschreibung:
"1918 ist der Frieden mit Russland in greifbarer Nähe. Doch nach einem Mordanschlag ist es fraglich, ob Konstantin, der Erbe, diesen noch erleben wird. Immerhin pflegt seine Geliebte, die Dorflehrerin Rebecca, ihn aufopferungsvoll. Sein Vater indes ist verzweifelt, denn durch den Kauf von Kriegsanleihen ist das Gut hoch verschuldet. So wird die Hochzeit von Konstantins Schwester Katharina mit dem brutalen Ludwig, einem Neffen des Kaisers, zur Überlebensfrage für Gut Greifenau. Doch Katharinas Herz schlägt für den Industriellensohn Sebastian. Kurz vor der Hochzeit flieht sie - und gerät in Berlin mitten in die Wirren der Novemberrevolution..."

Fazit:
"Morgenröte" ist der dritte und damit letzte Teil der "Gut Greifenau" - Trilogie von Hanna Caspian. Bei Trilogien empfiehlt es sich grundsätzlich, mit dem ersten Teil zu starten, da die Geschehnisse sich fortsetzen und aufeinander aufbauen.

Am Ende des zweiten Bandes möchte man als Leser selbstverständlich wissen, wie es weiter geht, gleichzeitig hat man aber eine Menge Befürchtungen, was noch alles geschehen könnte. Diese Befürchtungen hat man nicht zu unrecht, denn die Autorin hält für ihre Protagonisten so einiges bereit.

Wie auch in den anderen Büchern bettet sich die Geschichte der Familie von Auwitz-Aarhayn wunderbar in die historischen Ereignisse der damaligen Zeit ein. Die unterschiedlichen Charaktere verdeutlichen unterschiedliche Aspekte der Geschehnisse: so gerät Katharina auf ihrer Flucht mitten in die Novemberrevolution in Berlin und erlebt in Folge dessen das Leben der normalen Menschen, was sie noch nie kannte und schon gar nicht in so einer Ausnahmesituation. Oder das Grafenpaar, dass sich mit dem Niedergang ihres Standes nicht abfinden kann, aber sehr unterschiedlich damit umgeht.

Der Lesefluss ist sehr gut, Langeweile gibt es nicht, dafür hält Hanna Caspian zu viele Überraschungen bereit. Am Ende des Bandes nimmt man nur ungern Abschied von den Protagonisten, gerade, weil man weiß, dass "Morgenröte" die Trilogie beschließt.

Hanna Caspian
"Gut Greifenau - Morgenröte"
erschienen bei Droemer Knaur

Sonntag, 17. März 2019

[Rezension] George R. R. Martin - Feuer und Blut - Erstes Buch

Kurzbeschreibung:
"Drei Jahrhunderte, bevor die Serie "Das Lied von Eis und Feuer" beginnt, eroberte Aegon Targaryen mit seinen Schwestergemahlinnen und ihren drei Drachen den Kontinent Westeros.
280 Jahre währte die Herrschaft seiner Nachkommen. Sie überstanden Rebellion und Bürgerkrieg - bis Robert Baratheon den irren König Aerys II. vom Eisernen Thron stürzte. Dies ist die Geschichte des großen Hauses Targaryen, niedergeschrieben von Erzmaester Gyldayn, transkribiert von George R. R. Martin."

Fazit:
Ich bin jemand, der zum Lesen eines Buches den Schutzumschlag grundsätzlich abnimmt und so stieß ich schnell darauf, dass man diesen aufklappen kann und so einen detaillierten Stammbaum des Hauses Targaryen erhält. Optisch sehr schön gemacht, leistet er einem im weiteren Verlauf auch gute Dienste, um den Überblick zu behalten.

Was beim Überfliegen des Klappentextes schnell übersehen wird, was einem aber bewusst sein sollte, wenn man "Feuer und Blut" lesen möchte, ist, dass es sich um einen Bericht handelt. So ist die Geschichte auch in Berichtsform geschrieben, was erst einmal gewöhnungsbedürftig ist, ist man doch die normale Romanform gewohnt. Anfangs hatte ich Sorge, dass das Buch dadurch möglicherweise schnell langatmig wird, aber das war nicht der Fall.

Über 880 Seiten (und es handelt sich hier nur um den ersten Teil der Geschichte) liest man nicht mal eben nebenher. So hat mich die Geschichte des Hauses Targaryen tatsächlich diverse Wochen begleitet, zumal ich nach einigen Kapiteln stets innehalten musste, um die Flut an Informationen verinnerlichen zu können.

Das Buch beginnt mit der Ankunft der Targaryen in Westeros und endet mit dem Thronfolgekrieg. Das zweite Buch mit dem Rest der Targaryen-Geschichte ist in Vorbereitung.

Wenn man sich einmal an die Erzählform gewöhnt hat, bietet "Feuer und Blut" gewohnt spannende Unterhaltung und viel Information. Blieb bei "Das Lied von Eis und Feuer" einiges über das Haus Targaryen im Unklaren, stehen sie hier definitiv im Mittelpunkt.

Wer sich auf diese epische Reise begibt, sollte Interesse an den Hintergründen und den einzelnen Targaryens haben, dann wird er das Lesen aber auf keinen Fall bereuen.

George R. R. Martin
"Feuer und Blut - Buch 1"
erschienen bei Grrm by penhaligon

[Rezension] Emily Gunnis - Das Haus der Verlassenen

Kurzbeschreibung:
"Sussex, 1956. Als die junge Ivy Jenkins schwanger wird, schickt ihr liebloser Stiefvater sie fort - ins St. Margaret's Heim für ledige Mütter. Sie wird den düsteren, berüchtigten  Klosterbau nie mehr verlassen...
Sechzig Jahre später findet die Journalistin Sam in der Wohnung ihrer Großeltern einen flehentlichen Brief Ivys. Sie beginnt die schreckliche Geschichte von St. Margaret's zu recherchieren. Dabei stößt sie auf finstere Geheimnisse, die eine blutige Spur bis in die Gegenwart ziehen. Und die tief verstrickt sind mit ihrer eigenen Familiengeschichte."

Fazit:
Es scheint die Zeit der eindrücklichen Romane zu sein...denn einen bleibenden Eindruck hinterlassen die Schilderungen Ivys in jedem Fall.

Die Geschichte von Ivy, St. Margaret's und Sam wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Sam stößt durch Zufall auf einen Brief von Ivy, ihre journalistische Neugier ist geweckt und sie beginnt zu recherchieren.

Parallel erfahren wir aus Ivys Perspektive und aus den Briefen, die sie damals dem Vater des Kindes in der Hoffnung auf Rettung schickte, was ihr und vielen anderen Frauen im Heim für ledige Mütter angetan wurde. Es wäre schön, wenn man dieses Grauen ins Reich der Fiktion verbannen könnte, doch leider ist zwar dieses spezielle Heim ein fiktiver Ort, die Geschehnisse allerdings sind so und in unterschiedlichen Formen in diversen irischen und britischen Heimen tatsächlich passiert. Es steht zu befürchten, dass sich das nicht auf Großbritannien beschränkt.

Der Lesefluss ist sehr gut, denn selbstverständlich bangt und leidet man mit Ivy und möchte gleichzeitig mit Sam die Zusammenhänge des Ganzen verstehen. So kommt keine Langeweile auf, der Roman hält durchweg ein gewisses Spannungslevel.

Die Charaktere sind sehr bildhaft und lebensecht dargestellt, man sieht sie praktisch vor sich.

Ein wenig schade fand ich, dass einige Enthüllungen mit der Zeit schon auf der Hand lagen und dann wenig überraschend waren. Das tat der Sogwirkung des Buches aber überhaupt keinen Abbruch. Auch nach Beendigung des Buches kann man die Gedanken an Ivy und die anderen Frauen nur schwer abschütteln.

"Das Haus der Verlassenen" ist Emily Gunnis' Debütroman, sodass zu hoffen ist, dass wir noch viele weitere derart mitreißende Romane von ihr erwarten dürfen.

Emily Gunnis
"Das Haus der Verlassenen"
erschienen im Heyne Verlag

Sonntag, 10. März 2019

[Rezension] Linus Geschke - Tannenstein

Kurzbeschreibung:
"Wenn der Wanderer kommt, sterben Menschen. Elf in Tannenstein, einem abgelegenen Ort nahe der tschechischen Grenze. Ein Tankwart im Harz, eine Immobilienmaklerin aus dem Allgäu. Der Killer kommt aus dem Nichts, tötet ohne Vorwarnung und verschwindet spurlos.
Der Einzige, der sich ihm in den Weg stellt, ist Alexander Born, ein Ex-Polizist mit besten Kontakten zur Russenmafia. Einst hatte der Wanderer seine Geliebte getötet, jetzt will Born Rache - und wird Teil einer Hetzjagd, die dort endet, wo alles begann: Tannenstein."

Fazit:
Man kennt Linus Geschke als Autor der Krimi-Reihe um Jan Römer und Mütze. "Tannenstein" hingegen ist etwas ganz anderes. Auf dem Cover steht nicht "Kriminalroman", sondern "Thriller", man rechnet also mit einer härteren Gangart. Aber "Tannenstein" ist für mich auch nicht ein beliebiger Thriller, sondern eher ein moderner Western.

Der Autor hat gesagt, er habe ein Buch schreiben wollen, in dem keiner so wirklich gut ist. Ob das bei "Tannenstein" der Fall ist, ist Interpretationssache, wie so vieles in dem Buch. Ist jemand, der das Falsche aus den richtigen Gründen tut, wirklich böse, bzw. "nicht wirklich gut"? Das muss der Leser von Fall zu Fall selbst entscheiden.
Klar ist, dass es in dem Buch einige gibt, die abgrundtief böse sind...was auch schonungslos und plastisch transportiert wird...

Die Russenmafia ist natürlich jedem ein Begriff, aber im Alltagsleben weit weg und abstrakt. In "Tannenstein" ist sie und ihre Machenschaften allgegenwärtig. Allerdings belässt Linus Geschke es nicht bei dem gefühlsmäßigen Sicherheitsabstand, den man als Leser normalerweise bei solchen Dingen hat: ganz perfide lässt er sich jemanden in unsere Sympathie schleichen, sodass der Abstand verloren geht und dann....

Die typische Thrillerspannung fehlte für mich in weiten Teilen von "Tannenstein", daher mein Gefühl des modernen Western. Aber fesselnd ist das Buch auf jeden Fall und das sowohl von der Handlung, als auch von den Protagonisten und natürlich erst recht von all dem, was unter der Oberfläche lauert und erst nach und nach ins Bewusstsein des Lesers gelassen wird. Denn natürlich ist kaum etwas so, wie es anfangs schien...

Muss ich noch darauf hinweisen, dass ich "Tannenstein" selbstverständlich nur empfehlen kann, vorausgesetzt, man hat die Nerven dafür?

Linus Geschke
"Tannenstein"
erschienen im dtv Verlag

[Rezension] Felicity Whitmore - Das Herrenhaus im Moor

Kurzbeschreibung:
"Laura Milton ist überzeugt: Ihr Mann Frank wurde ermordet - doch niemand will ihr glauben. Da fällt ihr ein anonymer Brief an Frank in die Hände: Sein Leben sei in höchster Gefahr, er solle fliehen, steht darin. Im englischen Exmoor, Franks Heimat, sucht Laura nach Antworten. Und sie stößt in einem alten, verfallenen Herrenhaus auf die erschütternde Geschichte der Lady Victoria Milton..."

Fazit:
Oft bemängele ich, dass Klappentexte zuviel von der Handlung vorwegnehmen. Deshalb möchte ich ausdrücklich auf das Gegenbeispiel verweisen: Der Klappentext von "Das Herrenhaus im Moor" zeigt nur die Spitze des Eisberges und selbst diese ist ausreichend, um das Buch lesen zu wollen. Er verspricht Verwicklungen, Spannung, Gefahr und Menschenschicksale.

Was sich dann im Verlauf der Handlung noch alles zeigen wird, darauf wäre man anfangs nie gekommen...

"Das Herrenhaus im Moor" wird auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt: zum einen in der Gegenwart, wo Laura sich mit dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes konfrontiert sieht und ihr niemand glaubt, dass dieser ermordet wurde, woraufhin sie sich selbst ins Exmoor begibt, um die Wahrheit zu ergründen. Zum anderen gegen Ende des 19. bzw. am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo Lady Victoria Milton erfahren muss, zu was Menschen fähig sind.

Ich hatte mir von Felicity Whitmores Roman eine unterhaltsame Zeit versprochen und war überhaupt nicht gefasst auf die Spannung, die besonders im Erzählstrang um Lady Victoria dominiert und auch nicht auf das Entsetzen, dass einen unweigerlich überfällt, wenn einem wieder einmal vor Augen geführt wird, was Menschen für Geld alles zu tun bereit sind.

"Das Herrenhaus im Moor" ist nichts für sensible Seelen, aber ein absolut spannungsgeladener, unterhaltsamer, interessanter und lesenswerter Roman!

Felicity Whitmore
"Das Herrenhaus im Moor"
erschienen im dtv Verlag

Samstag, 9. März 2019

[Rezension] Susanne Kliem - Lügenmeer

Kurzbeschreibung:
"Sie sind das Traumpaar der Clique: der smarte Magnus und die umschwärmte Milla. Und Svenja, die beste Freundin von beiden, ist die Dritte im Bunde. Doch dann kommt Milla bei einer nächtlichen Schwimmbad-Party ums Leben und Magnus wird als vermeintlich Schuldiger aus dem Ort vertrieben.
Viele Jahre später kehrt er zurück, um das Gespinst von Lügen zu entwirren, das über der Todesnacht liegt. Niemand will ihm helfen. Doch Magnus sucht besessen nach der Wahrheit - mit fatalen Folgen für alle..."

Fazit:
Nachdem mir "Das Scherbenhaus" von Susanne Kliem sehr gut gefallen hatte, war ich gespannt auf ihr neues Werk.
Gleich einen Pluspunkt hat das Buch bei mir für den Handlungsort bekommen. Eine Kleinstadt direkt an der Ostsee - genau meins.

Allerdings hätte es dieses Pluspunktes gar nicht bedurft, denn Handlung und Protagonisten können ganz allein für sich einstehen.

Die Charaktere sind sehr unterschiedlich und sehr lebensecht. Sie könnten tatsächlich in jeder beliebigen Kleinstadt Tür an Tür wohnen. Auch die Atmosphäre passt sehr gut dazu: das Gedächtnis der Stadt vergisst nichts und breitet über manches den Mantel des Schweigens. Was dann noch zusätzlich an Geheimnissen unter der Oberfläche lauert ist mitunter nichts für schwache Nerven.

Schon allein Atmosphäre, Handlungsort, Personen und die unterschiedlichen Beziehungen der Charaktere zueinander, über Jahrzehnte gesponnen, hätte gereicht, um aus "Lügenmeer" ein spannendes Buch zu machen.
Aber Magnus hat eine Mission: er möchte wissen, was in dieser Nacht tatsächlich geschah und so schabt er Schicht für Schicht ab, um die Wahrheit aufzudecken. Dabei kommen noch viele andere Dinge ans Licht und als Leser ist man mittendrin!

"Lügenmeer" bietet alles, was das Leserherz begehrt: eine spannende, gut konstruierte Handlung, die nicht bis hinter die nächste Kurve blicken lässt, sympathische und weniger sympathische Protagonisten und Verflechtungen, wie sie tatsächlich der Realität entstammen könnten. Mich hat "Lügenmeer" absolut begeistert und ich kann es nur empfehlen!

Susanne Kliem
"Lügenmeer"
erschienen bei C. Bertelsmann

Donnerstag, 28. Februar 2019

[Rezension] Romy Hausmann - Liebes Kind

Kurzbeschreibung:
"Seit vierzehn Jahren hält er sie gefangen in einer fensterlosen Hütte im Wald. In diesem Verlies hat sie ihm zwei Kinder geboren. Ihr Familienalltag folgt einem genauen Ablauf: Mahlzeiten, Toilettengänge - alles ist streng geregelt. Am Abend singt sie ihren Kindern Gute-Nacht-Lieder vor, am Tag gibt sie ihnen Unterricht. Der Vater sorgt für seine Familie, er beschützt sie vor der Welt da draußen. Und niemand kann ihm seine Frau und seine Kinder jemals wegnehmen, denn es weiß ja niemand, wo sie sind..."

Fazit:
Beschlossen, "Liebes Kind", Romy Hausmanns Thrillerdebüt, zu lesen, habe ich, weil ich mit dem Satz "Dieser Thriller beginnt wo andere enden." geködert wurde. Das klang interessant - wie funktioniert das?

Und dann stellt man bereits nach wenigen Seiten fest, dass das sogar ganz hervorragend funktioniert! Denn "Liebes Kind" entwickelt innerhalb kürzester Zeit eine Sogwirkung, der man sich absolut nicht entziehen kann.

Zugegeben habe ich mittlerweile ein wenig Angst vor Romy Hausmann - wie kann jemand etwas Derartiges in seinem Kopf entwickeln? "Liebes Kind" ist durchweg sehr spannend und der Leser ist nur ein Spielball der Autorin - seine Gedanken und Überlegungen gehen dahin, wohin sie sie lenkt, um dann festzustellen, dass doch alles ganz anders ist. Und wenn man dann glaubt, zu wissen, was dahintersteckt, muss man wieder feststellen, dass man wohl einfach nicht in der Lage ist, krank genug zu denken...

Ich bin kein Mensch der Superlative, aber "Liebes Kind" ist ein derart spannender, dynamischer und durchdachter Thriller - auch wenn das Lesejahr noch jung ist, bin ich mir sicher, dass das Buch ganz klar ein Highlight meines Lesejahres 2019 sein wird!

Ich hoffe sehr, dass es der Autorin gelingen wird, in weiteren Büchern dieses Niveau zu halten - uneingeschränkte Leseempfehlung!

Romy Hausmann
"Liebes Kind"
erschienen im dtv - Verlag


Sonntag, 17. Februar 2019

[Rezension] Ben Aaronovitch - Geister auf der Metropolitan Line

Kurzbeschreibung:
"Geistersichtungen auf der Metropolitan Line der Londoner U-Bahn! Unflätige Bemerkungen geben die Gespenster auch noch von sich. Aufruhr und Chaos unter den Pendlern sind die Folge. Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant nimmt, gemeinsam mit ein paar guten alten Bekannten, die Ermittlungen auf."

Fazit:
"Geister auf der Metropolitan Line" ist nicht der 7. Fall für Peter Grant und Nightingale, sondern eher ein Outtake. Für eine vollwertige Fortsetzung wären knapp 160 Seiten auch sehr enttäuschend.

Trotzdem sollte man zumindest einen Teil der Geschichte von Nightingale und Peter Grant kennen, um dem Ganzen folgen zu können.

Ben Aaronovitch bleibt seinem Schreibstil treu, den man entweder liebt oder hasst - naja, ich bin ein Fan der ersten Stunde, von daher...

Peter darf in "Geister auf der Metropolitan Line" deutlich selbständiger agieren, als es Nightingale ihm sonst gestattet und da er von dem "übernatürlichen Scheiß" mittlerweile deutlich mehr versteht als seine Mitstreiter, tut dies seinem Selbstwertgefühl deutlich gut. Allerdings muss er auch feststellen, dass er plötzlich Entscheidungen allein abwägen und fällen muss.

Wie üblich sehr unterhaltsam geschrieben, ist es eine gute Unterhaltung, um die Wartezeit auf den nächsten Fall für Grant und Nightingale zu überbrücken.

Ben Aaronovitch
"Geister auf der Metropolitan Line"
erschienen im dtv - Verlag

[Rezension] Hanna Caspian - Gut Greifenau - Nachtfeuer

Kurzbeschreibung:
"August 1914: Der Erste Weltkrieg beginnt, und der junge Graf Konstantin muss an die Front. Sein Vater ist unfähig, das Gut zu führen, das bald hoch verschuldet ist. Die Verbindung seiner Schwester Katharina  mit dem Kaiserneffen Ludwig von Preußen wird zur Überlebensfrage. Doch Ludwig tritt nicht nur seiner Verlobten Katharina zu nahe...
Diese setzt ihre ganze Hoffnung auf eine Verbindung mit dem Industriellensohn Julius. Aber liebt der sie wirklich, oder soll Katharina ihm nur den Eintritt in den Adelsstand ermöglichen? Auch für Konstantin stellt sich die Frage, auf welcher Seite der Gesellschaft er nach dem Krieg stehen wird, wenn er ihn überhaupt überlebt."

Fazit:
"Nachtfeuer" ist der zweite Teil der Trilogie um "Gut Greifenau" von Hanna Caspian. Da dieser nahtlos dort ansetzt, wo "Abendglanz", der erste Band, endet, sollte man durchaus am Anfang beginnen, um den Ereignissen folgen zu können.

Hatte ich mit dem ersten Band anfangs meine Schwierigkeiten, ist davon in "Nachtfeuer" nichts geblieben. Von der ersten Seite an war ich gefangen in den Geschehnissen.

Dies liegt zum einen natürlich daran, dass sich die Ereignisse und Schicksale der einzelnen Personen zuspitzen. Zum anderen aber auch maßgeblich daran, dass Hanna Caspian das ganze Zeitgefühl hervorragend transportiert. Die Menschen haben erkannt, dass der Krieg eben nicht in ein paar Wochen vorbei sein wird, leiden unter Verknappung und Einschränkungen und tausende versehrte Soldaten kehren schwer traumatisiert heim.
So zeigt die Autorin am Beispiel von Konstantin, dass auch der Adelsstand einen nicht vor einem Kriegstrauma bewahrt.

Der Lesefluss ist sehr gut und wenn am Ende eines Kapitels die Perspektive wechselt, will man die eine nicht verlassen, aber gleichzeitig unbedingt wissen, wie es in der nächsten weitergeht.

So bleibe ich sehr gespannt auf "Morgenröte", den dritten Band zurück, auf den wir zum Glück nicht mehr lange warten müssen.

Hanna Caspian
"Gut Greifenau - Nachtfeuer"
erschienen bei Droemer Knaur

Samstag, 16. Februar 2019

[Rezension] Stephen King - Erhebung

Kurzbeschreibung:
"Scott wird immer leichter, ohne dass sein Körper sich verändert. Trotz der mysteriösen Heimsuchung setzt er alles daran, gegen himmelschreiendes Unrecht in der entzweiten Kleinstadt Castle Rock vorzugehen."

Fazit:
Wer "Erhebung" noch nie in der Realität gesehen hat, wird wohl auf den ersten Blick überrascht sein. Die meisten Bücher von Stephen King sind dicke Wälzer, deren Handlung sich über viele Seiten entwickelt.
"Erhebung" hat nicht ganz 150 Seiten, doch natürlich schafft Stephen King es, auch auf dieser begrenzten Länge so viel zu vermitteln und zu transportieren.

Nicht von der Handlung, aber vom Hintergrundgefühl erinnert "Erhebung" mich an "Ein Gesicht in der Menge", eine Novelle von King, die vor einigen Jahren erschien. Auch darin ging es weniger um Horror und Spannung und Thrillerhandlung, sondern mehr um "was wäre wenn?" - denn dass es natürlich nicht möglich ist, dass ein Mensch zunehmend an Gewicht verliert, ohne dass es einen ersichtlichen Grund gibt und dass dieser Jemand noch dazu einen unveränderten Umfang behält, liegt auf der Hand.

Dennoch kann man das Buch von Anfang an schon nicht aus der Hand legen - zu groß ist die Neugier, warum das alles so passiert und mit dem Fortschreiten der Handlung, wenn das Warum zur Nebensache wird und man hofft, dass Scott genug Zeit bleibt, seine Vorhaben in die Tat umzusetzen, hat man den Kern des Buches erreicht.

Es geht um Vorurteile, um Verunglimpfung, um Freundschaft, um menschliches Miteinander und Scott hat es sich zur Aufgabe gemacht, dafür Sorge zu tragen, dass seine Heimatstadt ein wenig besser wird - ein Wettlauf gegen die Zeit, keine Frage.

Auf der letzten Seite angekommen, bleibt man - obwohl das Ende mit das Surrealste am ganzen Buch ist - mit einem Seufzer auf den Lippen zurück.

Stephen King
"Erhebung"
erschienen im Heyne Verlag

[Rezension] Julia Corbin - Das Gift der Wahrheit

Kurzbeschreibung:
"Kolumbien 1998: In der Nähe der Stadt Pereira wird ein Massengrab gefunden. Die Opfer sind ausschließlich Frauen, alle haben eine Spinne im Mund.
Zwanzig Jahre später wird am Mannheimer Klärwerk eine Leiche angespült. Um den Hals der Toten hängt ein Medaillon mit einer in Harz gegossenen Kreuzspinne. Die Ermittlungen führen Hauptkommissarin Alexis Hall und Kriminalbiologin Karen Hellstern zu der Freundin der Getöteten. Sind die Frau und deren Tochter ebenfalls in Gefahr? Oder handelt es sich um ein perfides Eifersuchtsspiel? Erst als Alexis die Verbindung zu einer Serie von Morden in Kolumbien herstellt, wird klar: Das nächste Opfer ist bereits ausgewählt, und das Gift einer Spinne wird ihm langsam das Leben nehmen..."

Fazit:
"Das Gift der Wahrheit" ist der zweite Fall für Alexis Hall und Karen Hellstern. Man muss den ersten Band "Die Bestimmung des Bösen" nicht unbedingt gelesen haben, aber schöner ist es wegen der Hintergründe der Protagonisten eigentlich immer.

Was die Reihe zu etwas Besonderem macht, ist die Kombination aus Hall und Hellstern: Alexis Hall ist Hauptkommissarin mit Leib und Seele. Sie hat schon viel Übles erlebt und gesehen und ist dadurch nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie ist tough, verbirgt aber gleichzeitig ihre Angst vor Verletzungen. Karen Hellstern ist Kriminalbiologin, also im Labor zu Hause und verzettelt sich auch gern mal in ihren Erklärungen (wobei ich anführen möchte, dass dies im Vergleich zum ersten Band deutlich weniger geworden ist). Als sie plötzlich statt mit Toten, Käfern und Molekülen mit lebenden Menschen in einem Fall zu tun bekommt, kann sie sich emotional nicht abgrenzen - der Gegensatz der beiden Charaktere, aber auch das Ineinandergreifen beider Vor- und Nachteile macht sie zu einem unterschiedlichen, sympathischen und sehr erfolgreichen Team.

Die Thrillerhandlung hat es in sich - Julia Corbin lässt mit ihren Beschreibungen Gänsehaut beim Leser entstehen und das, ohne auf blutiges Gemetzel oder ähnliches zurückgreifen zu müssen. Spannung ist auf verschiedenen Ebenen allgegenwärtig und besonders gut gefallen hat mir, dass ich beim Lesen immer im Kopf hatte, dass ich im Großen und Ganzen weiß, was da wie durch wen vor sich ging und am Ende feststellen durfte: Ich wusste gar nichts! Genau SO liebe ich Thriller!

Julia Corbin
"Das Gift der Wahrheit"
erschienen im Diana Verlag

Donnerstag, 14. Februar 2019

[Rezension] Frank Goldammer - Roter Rabe

Kurzbeschreibung:
"Dresden 1951: Oberkommissar Heller und seine Frau haben ihren Sohn Erwin, der in Köln lebt, seit dem Krieg nicht mehr gesehen. Da bekommt Karin Heller unerwartet eine Reisegenehmigung in den Westen. Max Heller dagegen wird zu Hause von einem neuen Fall in Atem gehalten. Zwei der Spionage verdächtigte Männer sterben unter seltsamen Umständen in der Haft. Heller beschleicht bald eine schreckliche Ahnung. Sind die beiden Toten Vorboten einer nahenden Katastrophe?"

Fazit:
"Roter Rabe" ist bereits der vierte Fall für Max Heller und bisher sind keine Abnutzungserscheinungen festzustellen!

Natürlich kann man "Roter Rabe" auch lesen, wenn man die ersten drei Bücher nicht kennt - da man sie aber anschließend sowieso lesen würde, kann man auch einfach vorn anfangen. Die Fälle sind jeweils abgeschlossen, aber die Protagonisten entwickeln sich natürlich im Lauf der Zeit.

Was Frank Goldammers Reihe um Max Heller so faszinierend macht, sind nicht allein die jeweiligen Fälle - obwohl diese immer knifflig, gut durchdacht und spannend sind, keine Frage! - und auch nicht die Protagonisten, obwohl das auch eindeutig "Typen" sind. Was so besonders an der Reihe ist, ist, dass es dem Autor gelingt, Protagonisten und Fälle so in die jeweilige Zeit (in diesem Fall Anfang der 50er in Ostdeutschland) einzubetten, dass man beim Lesen automatisch ganz viel Zeitzeugnis mitbekommt und dies alles vollkommen authentisch und realistisch wirkt.

So verwundert es wenig, dass ich mittlerweile ein großer Fan von Max Heller bin. Auch an "Roter Rabe" kann ich handlungstechnisch nichts aussetzen. Einziger Wermutstropfen: Das Cover, das mir ausnehmend gut gefällt, hat mir einen Aha!-Effekt weggenommen, weil es in meinem Kopf automatisch eine Möglichkeit mitbedacht hat, über die ich ansonsten gar nicht  groß nachgedacht hätte. Aber dies ist wirklich Kritik auf hohem Niveau - mir bleibt nur zu hoffen, dass wir Max Heller bald wiederlesen dürfen.

Frank Goldammer
"Roter Rabe"
erschienen im dtv - Verlag

Mittwoch, 13. Februar 2019

[Rezension] Hanna Caspian - Gut Greifenau - Abendglanz

Kurzbeschreibung:
"Mai 1913: Konstantin, ältester Grafensohn und Erbe von Gut Greifenau, wagt das Unerhörte: Er verliebt sich in eine Bürgerliche, schlimmer noch - in die Dorflehrerin Rebecca Kurscheidt, eine überzeugte Sozialdemokratin. Doch die beiden trennt nicht nur der Standesunterschied, sondern auch die Weltanschauung. Für die jüngste Tochter Katharina dagegen plant die Grafenmutter eine Traumhochzeit mit einem Neffen des deutschen Kaisers - obwohl bald klar ist, welch ein Scheusal sich hinter der aristokratischen Fassade verbirgt. Und auch Katharinas Herz ist anderweitig vergeben.
Beide Grafenkinder spielen ein Versteckspiel mit ihren Eltern und der Gesellschaft. Beide versuchen ihre heimlichen Liebschaften zu verbergen - und genau wie die Welt um sie herum steuern sie unweigerlich auf eine Katastrophe zu..."

Fazit:
"Gut Greifenau - Abendglanz" ist der erste Teil der Pommern-Saga von Hanna Caspian.
Da ich sehr gern Bücher lese, die zeitlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen, hatte ich mich sehr auf das Erscheinen des Buches gefreut.

Anfangs kam ich auch gut in das Geschehen hinein, musste aber im weiteren Verlauf feststellen, dass ich so meine Schwierigkeiten mit den Protagonisten hatte. Von der Grafenmutter und der Dorflehrerin abgesehen, waren die meisten Charaktere recht profillos, sodass es mir schwer fiel, sie sympathisch zu finden.
Allerdings hat Hanna Caspian die historischen Gegebenheiten, die Lebensumstände und den beginnenden Wandel so bildhaft transportiert, dass ich das Buch dennoch weiterlesen wollte. Und dann - zuerst von mir unbemerkt - haben sich die Protagonisten doch unter meine Haut und in mein Leserherz eingeschlichen. Denn eines ist ihnen allen gemein: sich entwickeln sich! Darüber hinaus hat jede Person ihre eigene Geschichte und irgendwann fiebert man bei jedem mit und hofft und bangt.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die Unterschiedlichkeit der einzelnen Figuren: Ob Grafenkind, Kutscher, Dienstmädchen oder der Graf selbst - alle Charaktere sind authentisch und bilden jeweils einen Ausschnitt der damaligen Zeit. So muss beispielsweise Katharina erkennen, dass weder die Gesellschaft noch ihre eigenen Eltern an ihrem persönlichen Glück interessiert sind. Als adlige Tochter genießt sie im Vergleich zum Fußvolk viele Vorteile, dafür soll ihre Hochzeit aber allein den Vorteilen ihrer Familie dienen, mehr als Mittel zum Zweck ist sie nicht.

Insgesamt hatte ich zwar anfänglich meine Differenzen mit dem Buch, aber danach war ich gefangen in der Zeit und den Lebensgeschichten der Protagonisten. Anschließend konnte ich es kaum erwarten, den zweiten Band der Pommern-Saga zu lesen.

Hanna Caspian
"Gut Greifenau - Abendglanz"
erschienen bei Droemer Knaur

Sonntag, 10. Februar 2019

[Rezension] Britta Orlowski - Solange deine Schatten flüstern

Kurzbeschreibung:
"Ben, dorfbekannter Bad Boy, verliert sich immer mehr in Alkohol und Gewalt. Als der Richter ihm Sozialstunden auf einem Schäfereihof aufbrummt, spielt Ben mit dem Gedanken, einfach abzuhauen. Doch dann trifft er auf die 17jährige Lavinia. Ben wird aus dem seltsamen Mädchen nicht schlau. Sie liebt es, sich im Stall und auf der Weide zu verkriechen, versteckt ihr Gesicht hinter einer riesigen Brille und beschäftigt sich ausgerechnet mit Handarbeiten. Ihr Hobby weckt ungewollte Erinnerungen in Ben: an das Patchwork und Quilten seiner Mutter und an eine längst vergangene Zeit, in der er die Sommerwärme noch spüren konnte."

Fazit:
"Solange deine Schatten flüstern" ist ein Jugendroman. Demnach bin ich gar nicht Teil der Zielgruppe...aber davon lässt man sich natürlich nicht abhalten, wenn man die Bücher der Autorin bisher immer gern gelesen hat.

Räumlich befinden wir uns in und um Bützer, in Brandenburg, wo ich bisher nur historisch in einem Buch von Britta Orlowski weilte. Wer "Liebe misst man nicht in Jahren" kennt, war aber auch in der Gegenwart schon vor Ort.

Unabhängig vom Alter, mag ich die Charaktere, die Britta Orlowski zum Leben erweckt und so verhält es sich auch in "Solange deine Schatten flüstern". Lebensecht und individuell - das gilt nicht nur für die Hauptcharaktere, sondern auch für Nebendarsteller. So bevölkert beim Lesen eine ganze Gruppe von Menschen den eigenen Kopf, die auch so in der Nachbarschaft wohnen könnten.

Allerdings lebt ein Buch natürlich auch von der Geschichte und nicht allein von den Charakteren. Hier ist besonders der Gegensatz reizvoll: Ben, der viel durchgemacht hat, das noch längst nicht verarbeiten konnte und so immer weiter in eine Welt abrutscht, die ihm nicht gut tut und auch sein Vertrauen in andere Menschen zerstört hat. Und nun trifft er auf ein natürliches Mädchen, das - obwohl auch auf dem Schäfereihof nicht alles heile Welt ist - doch behütet und liebevoll aufgewachsen ist.
Dazu kommen natürlich diverse Rätsel, die dem Leser im Kopf herumschwirren - was genau geschah damals, dass Ben im Dorf der Ruf eines Mörders vorauseilt? Was hat es mit der finsteren Clique auf sich, die ihm Böses will?

Entsprechend gut ist der Lesefluss und das Ende des Buches natürlich viel zu schnell erreicht. Und auch, wenn mir manches Teenagergehabe - was nur zeigt, wie realistisch Britta Orlowski es dargestellt hat - auf den Geist ging, habe ich sehr gern meine Zeit in Bützer verbracht.

Umso schöner, dass mit "Ein Kuchenstück zum Liebesglück" gerade der nächste Bützer-Roman der Autorin erschienen ist.

Britta Orlowski
"Solange deine Schatten flüstern"
erschienen im El Gato - Verlag

Samstag, 9. Februar 2019

[Rezension] Leo Born - Blinde Rache

Kurzbeschreibung:
"Tattoos, schwarze Kleidung, raue Schale: Mara Billinsky eckt an. Auch bei ihren neuen Kollegen in der Frankfurter Mordkommission, von denen sie nur "die Krähe" genannt wird. Niemand traut Mara den Job wirklich zu, schon gar nicht ihr Chef, der sie lieber auf Wohnungseinbrüche ansetzt. Aber dann erschüttert eine brutale Mordserie die Mainmetropole. Mara sieht ihre Chance gekommen. Sie will beweisen, was in ihr steckt. Auf eigene Faust beginnt sie zu ermitteln - und kommt dem Täter dabei tödlich nah..."

Fazit:
"Blinde Rache" ist der erste Teil der Reihe um die Kommissarin Mara Billinsky und ich kann schon an dieser Stelle sagen, dass ich sehr froh bin, dass der zweite Teil bereits in einigen Wochen erscheint.

Denn dieser Thriller besticht sowohl vom Plot als auch vom Charakter der Ermittlerin und leider kann man sich bei vielen Thrillern nur auf eines von beiden freuen.

Mara Billinsky ist definitiv jemand, den man nicht mehr vergisst. Ihre abwehrende Fassade, durch die sie oft direkt abgestempelt und in eine Schublade gesteckt wird, verbirgt nur ihre Unsicherheit. Dazu ist sie noch immer vom Tod ihrer Mutter traumatisiert und das Verhältnis zu ihrem Vater, einem angesehenen Anwalt, ist - gelinde gesagt - schwierig. Das alles gepaart mit dem Willen, der Welt zu beweisen, was sie kann und einer wachen Intelligenz, machen Mara zu einer Ermittlerin, die, einmal eine Fährte aufgenommen, nicht wieder davon ablassen kann.

Der Lesefluss ist sehr gut, denn die Handlung lässt keine Langeweile aufkommen. Spannend von Beginn an, wird das Kopfkino des Lesers auf die Probe gestellt - was und natürlich wer steckt dahinter? Wie passt alles zusammen? Nun gut, des Rätsels Lösung war mir zu schnell präsent für meinen Geschmack, sodass die Enthüllung der Identität keine Überraschung mehr war - das mag ich lieber anders herum, aber das ist so ziemlich auch der einzige Kritikpunkt, den ich äußern kann.

"Blinde Rache" ist ein spannender Thriller, der für die Zukunft der Mara Billinsky - Reihe noch viel erhoffen lässt.

Leo Born
"Blinde Rache"
erschienen in der Bastei Lübbe

Samstag, 2. Februar 2019

[Rezension] Sarah Saxx - Das Licht in meiner Dämmerung

Kurzbeschreibung:
"Eleonore Zander hat nicht nur den für sie wichtigsten Menschen verloren, sondern muss auch um ihr eigenes Leben fürchten. Auf der Flucht trifft sie auf den mürrischen Ethan McConnor, der zurückgezogen in den Wäldern am Fuße der Rocky Mountains lebt. Er bietet ihr Zuflucht an, als sie schwer traumatisiert und zu Tode verängstigt am Straßenrand kauert. Mit seinen langen Haaren und dem dichten Bart wirkt er eher wild als vertrauenerweckend. Sein Blick ist düster, beinahe angsteinflößend, und doch bleibt Eleonore nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.

Fernab der Zivilisation begibt sie sich in den Schutz dieses Mannes, dessen raue Schale sie nach und nach durchdringt. Aus Angst wird Neugierde. Aus Neugierde Interesse. Und aus Interesse Wertschätzung sowie eine tiefe Zuneigung, mit der sie beide nicht gerechnet haben. Besonders Ethan nicht, der seit seiner Kindheit niemandem wirklich nahe sein kann. Trotzdem gelingt es Eleonore, sein versteinertes Herz auf eine Weise zu berühren, dass er sie um jeden Preis vor der drohenden Gefahr retten will. Zur Not auch mit seinem Leben."

Fazit:
In "Das Licht in meiner Dämmerung" geht es gleich spannend los - Elli ist auf der Flucht und wird verfolgt - die Männer, die vor ihren Augen ihren Bruder erschossen und sie gekidnappt haben, führen definitiv nichts Gutes im Schilde....da trifft sie auf Ethan und das Geschehen nimmt seinen Lauf.

Ethan ist rein optisch so überhaupt nicht mein Typ...ich mag weder lange Haare noch Bärte... schon gar keine Bärte....dazu seine grummelige griesgrämige Art - allerdings merkt der Leser schnell, dass mehr dahintersteckt und Ethans harsche Schale nur ihn selbst schützen soll. Elli, na Elli schließt man auf den ersten Blick ins Herz - anders geht es gar nicht.

Dass ich ein Fan der Bücher von Sarah Saxx bin, ist sicher nichts Neues, auch wenn ich gestehen muss, dass sich meine Begeisterung für die letzte Reihe in Grenzen hielt. Das wurde in "Das Licht in meiner Dämmerung" mehr als wett gemacht!

Mal von den Charakteren abgesehen, die - wie üblich - super gelungen sind, lebensecht, tiefgründig, unterschiedlich, ist allein schon die Landschaft es wert, das Buch zu lesen. Ich bin kein Freund von aussschweifenden Landschaftsbeschreibungen und das erspart Sarah Saxx dem Leser freundlicherweise auch, dennoch bekommt man beim Lesen einen guten Eindruck der ursprünglichen Waldlandschaft am Rande der Rocky Mountains. Und natürlich Ethans Behausung: ein Traum! Und das von mir, die ich unter extremer Höhenangst leide, aber allein die Vorstellung eine Baumhauses - also eines Holzhauses auf einer Plattform 20 Meter über dem Erdboden - finde ich grandios und hat mich ein wenig an Robin Hood erinnert.

Der Lesefluss ist sehr gut, denn die Handlung ist abwechslungsreich, sowohl aus Ethans als auch auch Ellis Sicht geschrieben und Langeweile kommt definitiv nicht auf. Zum einen durch die Reibereien von Ethan und Elli, zum anderen natürlich auch durch die Gefahr, in der Elli durchgehend  schwebt - denn die Kidnapper haben nicht vor, sie einfach entkommen zu lassen.

"Das Licht in meiner Dämmerung" ist eine gelungene Mischung aus Liebesroman und Spannung und schafft es, beidem gerecht zu werden.

Meine persönliche Lieblingsszene ist die, die dem Buch den Namen gab!

Wie immer nahm ich ungern Abschied von den liebgewonnen Protagonisten, freue mich aber gleichzeitig bereits auf neuen Lesestoff von Sarah Saxx.

Sarah Saxx
"Das Licht in meiner Dämmerung"

Samstag, 12. Januar 2019

[Rezension] Jeffery Deaver - Der Komponist

Kurzbeschreibung:
"Am helllichten Tag wird auf einer Straße in der New Yorker Upper East Side ein Mann überwältigt und entführt. Am Tatort bleibt ein Galgenstrick in Miniaturgröße zurück. Kurz darauf sorgt ein Video im Internet für Aufsehen: Man sieht live dabei zu, wie dem aufgehängten Opfer langsam die Luft abgeschnürt wird. Seine verzweifelten Atemzüge bilden den Hintergrund zu einem düsteren Musikstück. Als in Neapel eine ähnliche Entführung stattfindet, reisen der Forensikexperte Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs nach Italien und nehmen die Verfolgung auf. Denn solange der Täter nicht gefasst ist, wird die Musik des Grauens nicht verklingen..."

Fazit:
Bereits zum vierzehnten Mal darf der Leser Lincoln und Amelia bei der Ermittlung über die Schulter sehen. Bis auf eine Ausnahme ("Der Insektensammler") haben mir alle Teile ausnehmend gut gefallen.

Und auch bei "Der Komponist" haben wir es - zumindest in weiten Teilen - mit einem typischen "Lincoln-Rhyme" zu tun. Das ist keine Abwertung, sondern ein Gütesiegel.

Die Handlung ist spannend und die einzelnen Charaktere sehr unterschiedlich, aber bis ins Detail ausgearbeitet. So hat man es gleich mit mehreren sehr interessanten Personen zu tun. Ob dies der Forstwachtmeister Benelli oder Oberstaatsanwalt Dante Spiro ist, oder "Der Komponist", dessen besondere psychische Verfassung auch extrem interessant ist. Ebenso erfährt man immer wieder Dinge, derer man sich vorher nicht bewusst war. Ich zum Beispiel hatte keine Ahnung von der komplexen Ausrichtung der italienischen Polizei.

Und dann kommt es irgendwann zur Auflösung der Entführungen, zur Enttarnung des Komponisten und ... ließ mich tatsächlich ernüchtert und enttäuscht zurück. In der heutigen Zeit mag es so etwas tatsächlich geben oder es wäre zumindest möglich, aber das war nicht die Art von Auflösung, wie ich sie in einem Lincoln Rhyme - Thriller erwarte oder auch nur lesen wollen würde! Ich will natürlich nichts verraten, aber dennoch deutlich machen, dass dieses Detail meine Lesefreude doch erheblich beeinträchtigt hat.

Natürlich freue ich mich, wenn irgendwann der nächste Fall für Lincoln und Amelia erscheint, aber ich hoffe doch sehr, dass ich dann auch mit der Auflösung leben kann.

Jeffery Deaver
"Der Komponist"
erschienen bei Blanvalet

Freitag, 11. Januar 2019

[Rezension] Petra Schier - Flammen und Seide

Kurzbeschreibung:
"Rheinbach, 1673. Madlen Thynen weiß, dass Krieg herrscht. Als Tochter eines Tuchhändlers ist es unmöglich, die ausbleibenden Lieferungen zu ignorieren. Doch sie weiß nicht, was Krieg bedeutet. Bis er ihre Heimat erreicht...
Noch bevor die ersten feindlichen Truppen nahen, ist die Stadt Schauplatz des Konflikts zwischen Franzosen und Holländern: Ein Verräter hat sich hier eingenistet. Auf der Suche nach ihm kommt Madlens Jugendliebe zurück nach Rheinbach. Und bittet ausgerechnet ihren Verlobten um Hilfe.
Madlen sollte sich nicht zerrissen fühlen zwischen diesen beiden Männern. Und doch tut sie es. Wird sie nun selbst zur Verräterin? Und wenn ja, wen verrät sie: ihre Pflicht oder ihr Herz?"

Fazit:
Die historischen Romane von Petra Schier haben einen festen Platz in meinem Lesekalender. Sobald ein neues von ihr erscheint, muss ich es auch lesen. Zwar bin ich generell eher Leser von Reihen, aber auch die einzelnen historischen Romane von ihr haben mich noch nie enttäuscht.

"Flammen und Seide" ist tatsächlich der erste Roman der Autorin, der mich - nein, nicht enttäuscht hat - aber der mir nicht ganz so gut gefallen hat wie die bisherigen Bücher. Das kann ich an der Vorhersehbarkeit festmachen: Nach den ersten Seiten weiß man, wie das Buch ausgehen wird - zumindest in Bezug auf die Handlung von Madlen und ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Männern. Das ist nicht ungewöhnlich und auch kein Grund zur Kritik. Allerdings war die allgemeine Handlung auch in weiten Teilen vorhersehbar - mir hat gefehlt, dass Petra Schier mich überrascht, dass Dinge zutage treten, mit denen ich nicht gerechnet habe - darauf musste ich lange warten.

Das klingt nun sehr negativ, so ist das gar nicht gemeint, denn das Buch hat mir gefallen! Der Lesefuss ist wie gewohnt sehr gut und die Charaktere ebenso! Madlen ist eine starke Persönlichkeit, wie wir es von den weiblichen Protagonisten der Autorin gewohnt sind. Sie ist sympathisch, intelligent und liebenswert. Auch die männlichen Charaktere sind gelungen. Meine Lieblingsperson ist übrigens keine der drei Hauptprotagonisten, sondern Madlens Vater, der nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern für die damalige Zeit auch eine sehr liberale Einstellung hat!

Auch die Mischung aus historischem Alltag und dem Weltgeschehen der Zeit ist gut gelungen, man fühlt sich mittendrin.
Auf den letzten 100 Seiten dann kam das, was ich mir vorher schon gewünscht hätte: einige Sachen, die aufgelöst wurden, waren anders, als ich es vermutet hatte - das hat für mich den Roman dann wieder wunderbar abgerundet.

Also auch wenn es einige Bücher der Autorin gibt, die mich mehr mitgerissen haben, ist "Flammen und Seide" ein wunderbarer historischer Roman!

Petra Schier
"Flammen und Seide"
erschienen im Rowohlt Verlag

Donnerstag, 10. Januar 2019

[Rezension] Markus Heitz - Doors


Kurzbeschreibung:
"Kann man in einem Haus verschwinden?
Die Spuren von Anna-Lena van Dam führen zwar eindeutig hinein in die seit Jahrzehnten leer stehende Villa ihres Großvaters - aber nicht wieder heraus.
Ihr Vater vermutet sie in einem geheimen Höhlensystem unter dem Haus und schickt ein Geo-Expertenteam aus, um seine Tochter zu suchen..."

Fazit:
Ich fand die Idee faszinierend - ein Buch, drei Möglichkeiten.... oder drei Bücher mit demselben Beginn, wie man es sehen möchte...

Der Anfang der Geschichte ist immer gleich und in jedem der drei Bücher vorhanden. In dem Moment, in dem das Expertenteam sich für eine Tür entscheidet, nimmt jede der drei Geschichten ihren eigenen Verlauf. Da mir die bisherigen Bücher, die ich von Markus Heitz gelesen habe, gezeigt haben, dass er immer für eine Überraschung gut ist, habe ich mich auf das Experiment eingelassen.

Offiziell kann man auch jedes Buch einzeln lesen. Hätte ich das getan, wäre es wohl enttäuschend gewesen. Denn natürlich ist die Handlung jedes Bandes für sich abgeschlossen, aber neben der Frage "Wo landet das Team? Was wird passieren?" lebt die "Doors"-Geschichte von den Charakteren der einzelnen Teammitglieder, die alle ihre ganz eigenen Geheimnisse und Gründe für die Teilnahme an der Expedition haben. Und in jedem Buch erfährt man nur näheres über einen Teil des Teams - für ein umfassendes Gesamtbild ist es also unabdingbar, alle drei Bücher zu lesen.
Darüber hinaus ist das Interessante ja gerade, welch unterschiedlichen Verlauf die Handlung jeweils nimmt und auch diesen Vergleich hat man nur, wenn man mehr als ein Buch liest. 

Das Lesen nur eines Bandes wäre im Idealfall eine nette Unterhaltung gewesen, im schlimmsten Fall lanweilig... denn ob einem die jeweilige Handlung gefällt, hängt stark davon ab, wie faszinierend man die Wirklichkeit findet, in der man im jeweiligen Buch landet.

Ich habe mit "? - Kolonie" begonnen, ohne vorher zu schauen, wohin es mich verschlagen wird. Herausgekommen bin ich im Deutschland der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts - soweit nichts Besonderes, allerdings ist es eine Parallelwelt, in der der Zweite Weltkrieg einen etwas anderen Verlauf genommen hat. "Kolonie" hat mir wirklich sehr gut gefallen, sodass ich im Anschluß direkt mit "! - Blutfeld" weitergemacht habe - Frühes Mittelalter des 9. Jahrhunderts. Diesen Band allerdings fand ich langatmig und auch langweilig und ich habe hin und her überlegt, ob es sich lohnen würde "X - Dämmerung" zu lesen. Letztendlich habe ich es natürlich dennoch getan und es war auch durchaus interessant, hat mich aber nicht wirklich mitgerissen.

Insgesamt finde ich die Idee der unterschiedlichen Handlungsverläufe noch immer sehr interessant, hätte mir aber eine Ausgestaltung gewünscht, die sich nicht allein auf das Konzept verlässt, sondern der einzelnen Handlung ebensoviel Aufmerksamkeit angedeihen lässt wie einem einzelnen Buch.

Markus Heitz
"Doors"
erschienen bei Droemer Knaur